
Bereits Vladimirs Großmutter Olga bekannte sich schon zum
Christentum, konnte ihren Glauben trotz aller Bemühungen nicht für ihr Volk
verbindlich einführen. Vladimirs Gründe für die Taufe der Rus hatten wohl eher politische
Hintergründe.
Das von den verschiedensten Machtgruppen umgebene Reich der Rus musste sich zur
Sicherung und Stärkung wohl oder übel zwangsläufig einen starken Partner suchen.
Fürstin Olga hatte bereits Mitte des 10. Jahrhunderts den Kaiser Otto des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation um die Entsendung von Priestern gebeten.
Tatsächlich stellte aber auch eine potentielle Hinwendung
zum Islam und die damit verbundene Annäherung an die Wolgabulgaren eine bündnispolitische
Alternative dar.

Fürstin Olga
Der ausschlaggebende Grund für die Christianisierung der Rus ging letztlich dann aber von Byzanz aus.
Basileos II und Konstantinos baten Vladimir um Hilfe, und versprachen ihm als Gegenleistung die Ehe mit Anna, der Purpurgeborenen.
Nach erfolgter Hilfeleistung Vladimirs und seinem Heer mit einigen Tausend Varjagi wollte Byzanz allerdings nichts mehr von dem Eheversprechen wissen: erst nach Belagerung der Krim lenkten die Kaiser ein und gaben ihr Einverständnis. Ihre Bedingung dafür war allerdings die Taufe des Fürsten.
Die Eheschließung war zum damaligen Zeitpunkt etwas einzigartiges. Nie zuvor hatte ein ausländischer Fürst die Tochter eines regierenden Kaisers ehelichen können.
Sogar Kaiser Otto II. hatte nur eine Prinzessin von „niederer“ Geburt zur Frau bekommen. Fürts Vladimir profitierte von dieser Eheschließung ganz ausserordentlich, rangierte er nun noch vor dem Römischen Kaiser!
Die eigentliche Christianisierung der Rus erfolgte nach der Taufe Vladimirs 988 allerdings nur langsam und zögernd.
Die heidnischen Bräuche und die Anbetung der alten slawischen Götter wie Perun blieben trotz Massentaufen noch lange erhalten.
Die Orthodoxie im Osten hatte aber noch schwere Folgen und politische Auswirkungen. Sie führte zu einer Entfremdung vom lateinischen Westen. Die Verbreitung kirchlicher Texte durch das Kirchenslawische förderte zwar die Verbreitung der christlichen Lehre an sich, unterband allerdings die Lehre der griechischen Sprache.
Antike Philosophie, Kultur, Sprache, etc. fanden so keinen
Nährboden im
Reiche der Rus.
Der sich bildende Staat blieb somit ohne Einflüsse aus dem lateinischen Westen und dem griechischen Südosten, und das bis in das späte 17. Jahrhundert.
Zur Christianisierung der Rus findet sich in der Nestorchronik übrigens noch eine zweite Version:
Nach ihr befragte Fürst Vladimir einen muslimischen
Wolgabulgaren,
einen jüdischen Chasaren, einen deutschen Katholiken und einen griechischen Philosophen zu ihrem Glauben.
Nachdem die Gesandten des Fürsten die jeweils üblichen Liturgien in den Heimatländern der befragten besucht hatten, entschieden sie sich einhellig für die Orthodoxie: sie waren so überwältigt, dass sie zwischen Himmel und Erde nicht mehr zu unterscheiden imstande gewesen wären.

Die Taufe des Fürsten Vladimir