Das Reich der Kiewer Rus entstand im 9. und 10. Jahrhundert, nachdem in der Antischen Periode aus den größeren ostslawischen Volksgruppen Stammesbünde und Stammesfürstentümer entstanden waren. Daraus konsolidierten sich die mehr als 14 ostslawischen in Bündnissen zusammen geschlossenen Stämme, unter denen die Poljanen um Kiew und die Ilmenslawen und Slovenen im Nowgoroder Gebiet, sowie die Wolhynier im Südwesten führende Rollen spielten. Die Stammesbünde stellten nun in ihren Strukturen kein homogenes Reich dar, sondern waren in ihrer Art Föderationen mit vorstaatlichem Charakter.
Die Gemeinschaftsbildung der ostslawischen Stämme wurde langsam zum bestimmenden Faktor und zum sich herausbildenden Bevölkerungskern, der mit vielen nichtslawischen Völkern in einer Art Wechselbeziehung stand: im Baltikum die Esten und Letten, im Norden die Karelier und Finnischen Stämme, im Wolgagebiet die Mordwinen, im bereich des Schwarzen Meeres die Petschenegen und Polowzer.
In den neuen slawischen Fürstentümern hatten sich nun schon gewisse Oberschichten ähnlich dem Adel herausgebildet, denen bereits gesellschaftliche Vorzugsstellungen zukamen. Dieser Quasi-Adel nun bildete allerdings noch keinen einheitlichen Feudalstand, sondern bildete lediglich die Grundlage für zeiweilig existierende Stammesvereinigungen. Der Zusammenschluß der gebiete des oberen und unteren Russland vollzog sich zusammen mit der sich formierenden Aristokratie und der dazugehörigen Feudalität under den Fürsten und Bojaren.
Die Konsolidierung des jungen Reiches vollzog sich allerdings nicht am Verhandlungstisch, sondern war vielmehr das Resultat großangelegter Kriegs- und Raubzüge, bei denen die Tributerhebung und der Außenhandel die führenden Rollen spielten.
Von Anfang an entstand die russische Staatsbildung aber auch in engem Kontakt mit den nordischen Nachbarländern, hier allerdings auch wiederum nicht in friedlicher Art und Weise, sondern in Form von Zusammenstößen mit den Warägern, die von jenseits des Meeres kamen um Tribut zu erheben.
Gerade im Norden waren Überfälle und Raubzüge der Waräger an der Tagesordnung, lebten die Schweden doch in relativer Nähe.

Waräger und Ostslawen. Künstlerische Darstellung.

Anscheinend gelang es den Slawen dann gemeinsam, evtl. mit Hilfe der Rugier, die Tributherrschaft abzuschütteln und die Waräger zurückzuweisen.
Aus dem Problem der Konflikte mit den Warägern entsand dann wohl auch die Notwendigkeit einer starken Hand und Fürstenmacht, da man gesehen hatte, daß die äussere Bedrohung nur gemeinsam begegnet werden konnte.
Hier kommt nun die Berufung der Waräger ins Spiel: der halblegendäre Rjurik wurde Mitte des 9. Jahrhunderts ins Land gerufen um das Volk im Norden zu beherrschen. Bemerkenswert hieran ist die Tatsache, daß es über diesen Rjurik wenig Belege gibt: seine tatsächliche Existenz ist eher mit Skepsis zu betrachten. Zumal zu bedenken ist, warum die Rus einen Fürsten der Waräger, die sie eben erst verjagten, zu ihrem Herrscher machen sollten.
Der Rjurik ist tatsächlich wohl eher als Synonym zu betrachten denn als Einzelperson. Möglicherweise ist er aber auch einer der Vertreter der Rugier, die den Slawen vieleicht beim Kampf gegen die Eindringlinge zur Seite standen.
Ruriks Herrschaft in Nowgorod ist ohnehin eher unwahrscheinlich, da es kaum glaubwürdige schriftliche Quellen über seine Regentschaft gibt. Intensive archäologische Forschungen belegen auch, daß die Stadt Nowgorod zu Beginn der Regentschaft Rjuriks noch nicht existiert hat. Sie wurde im jahre 959 erstmals in einer Chronik erwähnt.

Künstlerische Darstellung von Nowgorod in seiner Anfangszeit


Die Geschichte der Berufung der Waräger fußt unter Umständen auch auf der Tatsache, daß warägische Verbände auf ihren reisen nicht selten ostslawische Gebiete besetzten und unter ihre Herrschaft brachten. Vieleicht läßt sich so der bericht der Nestorchronik erklären und nachvollziehen.
Fakt ist, dass die Schweden auch weiterhin das slawische Reich bereisten, dort Handel trieben, sich mit der einheimischen Bevölkerung assimilierten und sich auch als Söldner verdingten. Den durch Rußland führenden Handelsweg nach Byzanz befuhren sie ja schon vor dem 9. Jahrhundert
Während Rjurik nun im Norden in Nowgorod saß, begaben sich 2 weitere schwedische Fürsten mit starken Kriegerverbänden ins weiter südlich gelegene Kiew und brachten es unter ihre Herrschaft: Askold (Hoskuldr) und Dir (Dyri), die immer wieder ganz in der Manier der Wikinger Kriegszüge vornehmlich gegen Byzanz unternahmen. Die Existenz dieser Beiden ist im Gegensatz zu Rjurik auch von diversen anderen Quellen belegt.

Die Waräger vor Byzanz. Künstlerische Darstellung

867 entstand daraufhin ein für die Byzantiner nachteiliger Handelsvertrag, was wohl die starke kriegerische Macht verdeutlicht, die dem warägischen Kriegerkontingent in Kiew innewohnte.
Askold und Dir gelang es so, dem südlichen Russland stabile Formen zu geben.
Byzanz selbst versuchte unterdessen die Etablierung des Christentums im russischen Reich, sowie im Gebiet der Chasaren.
Durch die Expansionspolitik der Kiewer im Süden blieb eine Konfrontation mit dem Fürsten in Nowgorod zwangsläufig nicht aus. Der Kampf um die Gesamtherrschaft in Rußland war der Anlaß für einen Angriff der Kiewer, den Rjurik allerdings erfolgreich abschlagen konnte.
Im Anschluß daran wurde der Handelsweg von Skandinavien nach Byzanz nun allmählich gesichert. Die Chasaren stellten keine nenneswerte Bedrohung mehr dar, zum Teil auch aufgrund innerer Entwicklungen. dafür aber in stärkerem Maße die Petschenegen, die ihre Rubzüge auch auf das Kiewer Gebiet ausdehnten.

Nach der russischen Chronik übertrug Rjurik seine Herrschaft im Jahre 879 an Oleg, der von seinem Blute war, und übergab ihm seinen noch sehr jungen Sohn Igor.
Dies war der Beginn des Geschlechtes der Rjurikiden.